Bernstein der Frühbronzezeit in Mitteleuropa

Momentan kennen wir auf dem mitteleuropäischen Gebiet der Aunjetitzer Kultur und einiger Nachbarregionen etwa 200 frühbronzezeitlichen Fundstellen mit Bernstein. Die meisten davon sind Gräberfelder. Es geht um etwa 150 Fundstellen (davon ca. 90 in Böhmen) mit ca. 490 Gräber (davon ca. 320 in Böhmen). Das Typenspektrum der Bernsteinartefakte ist sehr bunt – Stücke von Rohbernstein, Perlen von verschiedenen Formen (meistens als Bestandteile von Halsketten), Ringe und Scheiben, Knöpfe, Anhänger oder Bestandteile von Bronzeartefakten. Zu den spektakulärsten gehören sicher die Bernsteinschieber/Abstandhalter, die wir zur Zeit nur in Böhmen aus 18 Aunjetitzer Gräbern auf 12 Gräberfeldern kennen. Bemerkenswert sind dabei die reichsten Bernsteingräber. Es geht um die Gräber Nr. 2 und 36 in Mikulovice mit wenigstens 420 und 160 Bernsteinperlen bzw. fünf und vier Bernsteinschiebern, weiter um das Grab Nr. 13 aus Bautzen, Burk mit wen. 312 Bernsteinperlen und vier Schiebern und das Grab Nr. 10 aus der Nekropole Únětice I mit mind. 110 Bernsteinperlen und mind. 3 Schiebern. Es ist bestimmt kein Zufall, dass ausgerechnet diese reichsten Frauengräber enthielten neben vielen Dutzend bzw. sogar Hunderten von Bernsteinperlen auch sehr speziell geformte „hantelförmige“ Abstandhalter mit Doppel- bzw. Dreifachbohrung, die immer mit einem viereckigen bzw. runden Schluss- bzw. Zentralstein in einer Halskette kombiniert sind. Es geht hier um bewusst speziell geschnitzte Artefakte, die man dann ganz gezielt zu speziell designierten Schieber-/Abstandhalter-Garnituren zusammensetzte und mit Dutzenden oder sogar Hunderten von einfach gebohrten Bernsteinperlen zu wertvollen Halsketten/Schmuckgarnituren kombinierte. Die Form der hantelförmigen Schieber/Abstandhalter ist so ausdrucksvoll und außergewöhnlich, dass wir von Produkt einer einzelnen Werkstatt ausgehen können, die höchstwahrscheinlich irgendwo in Mittelböhmen residierte. Auf dem Gebiet Böhmens (vor allem Mittelböhmens) finden wir während der Klassischen Aunjetitzer Kultur (ca. 2000–1750 BC) etwa 58 % aller Fundstellen mit Bernstein, 70 % aller Bernsteinfunde und 82 % aller Gräber mit Bernstein. Die Bewohner Böhmens waren damals die größten Konsumenten von Bernstein und Böhmen die wichtigste Zielregion von Bernsteinhandel in Mitteleuropa. Wenn wir zu dieser Zeit überhaupt über einer Bernsteinstraße sprechen können, führte sie von der unteren Weichsel nach Böhmen. Dort wurde der meiste Bernstein verbraucht und auch in weitere Regionen nicht nur Mitteleuropas distribuiert.

Dr. Michal Ernée
Institute of Archaeology
Czech Academy of Sciences, Prague
ernee@arup.cas.cz