…mit groben Stoffen bekleidete Gestalten? Tradition und Innovation in der Textilproduktion zwischen dem ausgehenden 3. und beginnenden 1. Jahrtausend v. Chr.

Textilien und textile Produktion werden in der Forschung meist als eher konservative Faktoren innerhalb einer Gemeinschaft angesehen. Für die Prähistorie Mittel- und Nordeuropas ist zudem die Herausforderung gegeben, dass es sich bei Textilien um vergängliche Materialien handelt, die unter den in diesen Regionen herrschenden klimatischen Bedingungen nur selten erhalten sind.

Die vor allem in den letzten 20 Jahren intensivierten Forschungen in Bezug auf organische Reste ermöglichen es jedoch nun auch, komplexere Fragestellungen anzudenken, wie jene von Tradition, Innovation, zeitlichen Abläufen textiltechnischer Errungenschaften und sogar zu Produktionsweisen (Haushandwerk vs. Spezialistentum).

In der Textilproduktion ist die Betrachtung der longe durée und der großräumigen Entwicklung wesentlich, wobei hier das ausgehende 3. bis beginnende 1. Jahrtausend sowie die Fokusregionen Mittel- und Nordeuropa gewählt wurden, mit einem Ausblick zu den Entwicklungen in der Textiltechnik im ostmediterranen Raum (v.A. Griechenland). Es lassen sich hier großräumige Unterschiede feststellen in der Verwendung bestimmter Rohmaterialien und den damit einhergehenden Innovationsschüben.  So lassen sich etwa Innovationen in bestimmten Musterungstechniken (z. B. Textilfärbung oder Spinnrichtungsmuster) oder Webarten (Köperbindung, Brettchenweberei) und die Verwendung von Schafwolle miteinander verbinden, was in Mitteleuropa in der Mittelbronzezeit zu beobachten ist. Hingegen sind eben jene textilen Innovationen im ostmediterranen Raum nicht vorhanden, können also als mitteleuropäische Innovationen gesehen werden. Gerade in diesem Raum zeichnet sich eine spezifische Innovationsfreude im textilen Bereich ab, die sich in der Spätbronzezeit und vor allem in der Hallstattzeit noch steigert. Hier ist klar fassbar, dass textile Prachtentfaltung eine starke Rolle spielte in der Repräsentationskultur der Eliten. In diese Kerbe schlägt auch die Verwendung von Metallen, vor allem von Gold, in Verbindung mit Textilien, wobei hier nicht nur die textile Fläche als Untergrund für dekorative Metallobjekte wie Nadeln, Fibeln und Ähnlichem zum Tragen kommt, sondern auch die Einarbeitung von Goldfäden in Gewebe.

 

Dr. Karina Grömer
Prähistorische Abteilung
Naturhistorisches Museum Wien
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